DAs Wunder Europa

Der EMU-Stammtisch

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Kampa
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DAs Wunder Europa

Beitrag von Kampa »

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/17/0,187 ... 33,00.html

tut irgendwie gut auch mal nen positiven Rückblick wagen zu drüfen und nicht immer nur die negativen Nachrichten wahrzunehmen.


So langam sterben sie ja aus, die Familienmitglieder die den Krieg noch voll erlebt haben.
In meiner Familie lebt von denen keiner mehr, als letztes ist mein Onkel verstorben, der noch in russischer Kriegsgefangenschaft war. Erst ganz zum Schluss und nach einigen "Klaren" hat er mal ein paar Details erzählt.

Kennt Ihr noch die "Geschichten aus erster Hand??"
"...Wenn dein Herz auf dem Wasser liegt, musst du es ja nicht auf der Strasse quälen..."
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kaiseravb
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Re: DAs Wunder Europa

Beitrag von kaiseravb »

Kampa hat geschrieben: Kennt Ihr noch die "Geschichten aus erster Hand??"
Ja und nein. Meine verbliebene Oma spricht gelegentlich von der Zeit, hat aber einen geringfügigen Hang zur Übertreibung. Mein einer Opa, vorletztes Jahr verstorben, der haupsächlich in Afrika, Italien und auf den Balkan eingesetzt war und am Kriegsende von den Amerikanern eingesammelt wurde, hat gelegentlich erzählt, aber nicht sehr tiefgründig, nur wo er war, wie es da war und so. Er sagte immer, es lohnt sich nicht, drüber zu sprechen, und die, die es ausschweifend tun, lügen meistens. Mein anderer Opa, leider schon vor etwa 15 Jahren gestorben, erzählte nie etwas, auch nicht seiner Frau oder meiner Mutter. Wir wissen nur, dass er 1942 (oder 43?) bei Leningrad in russische Gefangenschaft geriet und 1949 freigelassen wurde. Ich habe da selbst nur in Erinnerung, dass er kaum noch Zehen und teilweise schwarze Füße hatte, die er immer eincremen musste.
"Das geht schon" bedeutet:
a) irgendwas ist gleich kaputt
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PeterMUC
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Beitrag von PeterMUC »

Meine Eltern (Jg.29 und 36) haben den 2.Weltkrieg voll miterlebt (ausgebombt, kinderlandverschickung etc.) Aus der Zeit kenne ich viele Geschichten. rel. wenig erzaehlt wird aus der zeit von Kriegsende mit 48/49, da wird wohl sehr viel verdrängt....dass muss teilweise noch schlimmer gewesen sein (Harte Winter, Hunger).
Mein Grossvater (Jg. 1895 !!, gest. 1980) war im 1.WK und bis 1925 in Frankreich interniert. Wenn der wuesste, dass ich mit einer Franzoesin verheiratet bin.... Der Grossvater meiner Frau war bei der Resistance....der hat mich anfangs auch ganz schoen komisch angeschaut !
Europa und das, was seit 60 Jahren in Europa erreicht wurde, ist schon eine tolle Sache ! Und ich hoffe das bleibt auch so. Dieses ganze Rumgezanke heutzutage ist doch Kindergarten im Verglich zu dem was unsere Eltern/Grosseltern erlebt haben. Ich arbeite heute an einereuropäischen Institution (nicht EU!!) mit Kollegen aus 32 Ländern, das ist toll.
Aber ich sehe auch die Grenzen des "Europawachstums". Gerade erst diese woche kann man sich wieder ueber die Polen aufregen, die die alten Kamellen von frueher wieder ausgraben. Hallo, Herr Kazcynski, denken sie mal dran, wie es bei Ihnen noch vor 20 Jahren aussah (Ich war selber Ende der 70er 3 Wochen in Ostpreussen auf den Spuren meiner Vorfahren unterwegs....das war ein 3.Welt Land nach unseren Masstäben).
Ich möchte keine Diskussion ueber den Beitritt zur Türkei lostreten, aber die geschichte mit dem Kulturkreis, die Lebensweise und deren Einstellung gegenüber Andersdenkenden (-gläubigen) bedarf m.E. noch ein wenig der Reifung....(btw, ich habe hier in unserm Laden viele türkische Kollegen !!)
Ich binf froh, dass es das Europa gibt, so wie wir es heute kennen, mit Austausch, offenen Grenzen und vielen Freiheiten, die in meiner Kindheit undenkbar waren.
Ich beobachte aber auch immer wieder mit Sorge zahlreiche nationalistische Tendenzen, die mir immer wieder Angst machen. Und ich kritisiere auch, dass es in "unserem Europa" zuviele Unterschiede gibt zwischen denen die Zahlen müssen und denen, die nur kassieren (ohne viel dafür zu leisten bzw ohne selber auch Kompromisse eingehen zu wollen). Viele Forderungen der neueren EU-Mitglieder kann ich nicht nachvollziehen, erst betteln, endlich dabei sein zu dürfen und dann gleich mit der Faust auf den Tischen hauen und in meinen Augen teils unverschämte Forderungen stellen, das finde ich nicht OK !!

So, genug jetzt, ich geh mal laufen
Du kannst aus einem dicken Schwein kein Rennpferd machen,
aber Du kannst versuchen, daraus das schnellste Schwein zu machen.
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beeste
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Beitrag von beeste »

Ich habe die Berichte meines Vaters (Krieg auf dem Dorf), Großonkels (Krieg, Gefangenschaft), meiner Mutter (krieg in der Großstadt), meines Altgesellen (Krieg in der Großstadt) sowie vieler anderer dieser Generation. Sowas will man nicht erleben! Wenn man irgendwo für dankbar sein kann, sind das 60 Jahre Frieden in Deutschland.

Gerade am Wochenende fand ich es wieder toll, nur mit meinem Perso unterwegs zu sein (auch wenn ich noch andere Währung brauchte), in einem Land, auf das wir "letztens" noch Bomben geworfen haben.

Hatte gestern erst wieder eine Diskussion mit meinen Eltern: Ich seh mich ja zuallererst als Mensch, dann als Europäer und erst zum Schluss als Deutscher Mir wurde mal wieder mangelnde Vaterlandsliebe vorgeworfen, nur weil ich gewagt habe, heruntergekommene Teile des Ruhrgebietes mit genauso heruntergekommener Bausubstanz in England zu vergleichen... *seufz*

Ich bin dankbar für das, was in den letzten 50 Jahren geschaffen worden ist und hoffe, das es nicht wieder an nationalen Egoismen zerbricht...
"Ich bin bekannt für meine Ironie. Aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen."
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Rhoihesse
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Beitrag von Rhoihesse »

Ich kenne die Stories nur von meiner Oma, Baujahr 1919.. also die ganze NS soße in der Schule mitgemacht und ich glaube die würde heute wieder Hitler wählen, der ist ja auch nicht so korrupt wie die poltiker heute.. ("der hatte ja nur sein berchtesgarden") und würde nie auf die idee kommen die verkaufszahlen seines buches über staatliche zwangsschenkung anzukurbeln..

Ansonsten das übliche Antisemitismus-Gedöns.. jaja der Jude zieht der dein letztes Hemd aus.. dann im nebensatz, ja beim Levi da konnte man sachen mitnehmen und auf raten bezahlen, das war ganz toll...

Ich denke auch sie hat zwar einen Mann und einen Bruder im Krieg verloren, generell ist sie aber die Landbevölkerung recht gut davon gekommen, im Krieg wurden in AZ nur ca. 5 Häuser ausgebombt (auch wegen eines Navigationsfehlers, anders gäbe es die Stadt wahrscheinlich nicht mehr - auf anfrage gibt es auch die geschichte des retters von alzey). Hunger leiden musste sie nie, Einsicht gibt es auch keine "aus Amerika kam noch nie was gutes".

Aber die Frau ist 87 und ich werde kaum darüber diskutieren.
WTFWCWIIFM?
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Linus
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Beitrag von Linus »

Auf meinen Wegen entlang der Grenze komme ich ständig an Bunkern von Westwall oder Maginot-Linie vorbei, und meine häufigen Dienstreisen nach Paris gehen auch immer an den Schlachtfeldern von Verdun vorbei.
Nicht daß ich das selbst erlebt hätte, aber ich will das auch gar nicht erleben.
Daß ich in einer Region wohne, die Jahrhundertelang Zankapfel und Spielball war, und heute jeden Tag hin- und herfahre, das reicht mir schon, um Europa klasse zu finden.

Und dann noch meine persönliche Europa-ist-klasse-Story:
Als ich 1999 angefangen habe, in Frankreich zu arbeiten habe ich jeden Monat (!) mein Gehalt in FF von meinem französischen Gehaltskonto in bar abgehoben, bei der LZB in DM getauscht (die haben das nämlich umsonst gemacht) und die dann auf mein deutsches Konto eingezahlt. Einmal hab ich in Frankreich Falschgeld gekriegt, was erst in Deutschland gemerkt wurde ...
2002 kam der Euro - da mußte ich nur noch Euro transferieren und habe mir die LZB sparen können. Bis dahin hätten Überweisungen > 60DM gekostet - jeden Monat!
Seit Juli 2003 kostet eine Auslandsüberweisung soviel wie eine Inlandsüberweisung. Jetzt kommt mein Geld bargeldlos über die Grenze.
Ich kann Leute, die mich ernst nehmen, einfach nicht ernst nehmen,
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Kampa
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Beitrag von Kampa »

Hi

freut mich total, dass es so viele hier gibt, die der Europäischen Union auch jede Menge gute Seiten abringen können. Mir geht es genauso. Ich bin froh in dieser Zeit in Europa zu leben. Auch habe ich wie wohl viele keine ausgeprägtes deutschnationales Denken. Ich bin verbunden mit meiner Insel, dann fühle ich mich als "Norddeutsche" (auch nach 10 Jahren in Hessen - höhö) und dann eigentlich als Europäerin -hmm ich komm mit dem Gefühl gut klar.

Deutsch Fähnchen Schwenken auch zu Fußball oder Handball WM ist irgendwie nicht mein Ding, trotzdem ich stets die "deutschen" Mannschaften anfeuer - ist echt alles ein bisschen Schizo aber was solls...
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Bigfoot
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Beitrag von Bigfoot »

Ich finds nur witzig, dass ich hier im Süden an einer Europäischen Außengrenze wohne. :lachen
Also ich seh das anders.
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beeste
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Beitrag von beeste »

Kampa hat geschrieben:Ich bin verbunden mit meiner Insel, ...
Ahhh, das erklärt dann auch die Brücke...
"Ich bin bekannt für meine Ironie. Aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen."
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Ulfila
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Beitrag von Ulfila »

Bigfoot hat geschrieben:Ich finds nur witzig, dass ich hier im Süden an einer Europäischen Außengrenze wohne. :lachen
Da sagst du etwas. An Grenzen warten zu müssen kennt man ja kaum noch. Aber letztes Jahr wollte ich von Basel/ Liestal wieder nach Deutschland. Leider musste der deutsche Zoll ausgerechnet an diesem Abend mal wieder ganz genau kontrollieren, so dass der Stau der Ausreisewilligen einmal quer durch die Schweiz ging. Die 10 km bis zur Grenze haben mich über eine Stunde gekostet.

Da nächst Mal fahr ich dann doch lieber wieder nach Frankreich. ;)
Jeder Mensch ist ein Künstler. (Beuys)
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