Ok, jetzt geht's los.
Als ich am Montag Abend bei der Einführungsveranstaltung eintraf, erwartete uns eine Dame aus der Hauptstadt, was sie wirklich verbergen konnte und noch weniger wollte.
Schlagartig wurde mir klar, dass ich nicht nur einen Arbeitsrechtler erwarten durfte. Nein, da war auch eine Art Reiseleitung zur Freizeitgestaltung vorgesehen.
Sie fühlte sich für jede Unterhaltung verantwortlich und konnte sich gar nicht vorstellen, dass man beim Essen nicht ununterbrochen reden oder Witze machen muss.
Nach dem Seminar sollte eine Stadtführung stattfinden, an der ich teilnehmen wollte.
Frau will ja was von der Stadt sehen.
Voller Vorfreunde kündigte sie eine ganz tolle ältere Dame an, die schon seit ewigen Zeiten ein sehr unterhaltsame Führung durch die Stadt macht. Jetzt bekam ich Angst.
Diese Dame war über 70 und bombardierte uns mit wichtigen Fakten, wie viele Tiefgaragenplätze Leipzig hat. Ich durfte auch Baustellen besichtigen. Ok, wir Frankfurt kennen ja keine Baustellen.
Als wir ins neue Uni-Gebäude kamen, versuchten ein paar Studenten an Arbeitsplätzen ein paar unwichtige Dinge zu bearbeiten. Ich fragte, die Dame, ob wir nicht stören, aber sie war der Meinung, dass es den Studenten wirklich super hier. Unsere HAuptstadtreiseleiterin musste natürlich lautstark ein paar Witze machen und ich musste mich schämen.
Ich will mich nicht beklagen, weil wir natürlich ganz wichtige Dinge, wie die U-Bahn von Leipzig anschauen durften.Da muss man auch mal auf die Thomas-Kirche verzichten können.
Ich war froh, als die zwei Stunden vorbei waren.
Am nächsten Tag wollte ich vorm Abendessen noch etwas Sport machen, weil man nach dem Abendessen auf ein Bierchen in irgendein Touri-Laden gehen wollte.
Ja, was ein Segen bekamen wir dort keinen Tisch und musste ich eine andere Kneipe gehe.
Jetzt blühte unsere Reiseleitung und erzählte ihre ganzen wundervollen Reisegeschichten und was sonst noch zum Leben gehört. Ich versuchte mich mit einen Kursteilnehmer zu unterhalten, was nicht immer so einfach war, weil wir sollten ja lustig sein.
Auf dem Heimweg fragte ich sie, was wir am Freitag fertig sind, damit ich Entchen
sagen kann, wann sie mich abholen darf.
Ich sagte unsere Reisleitung, dass ich zum Mittagessen bleibe.
Am nächsten Abend wollte man zum fröhlichen Abschiedsabend aufbrechen, aber ich wußte, dass ich das nicht nochmal aushalten und blieb im Hotel.
Beim Frühstück erzählten mir die anderen, dass kein Gespräch möglich war, weil sie den Alleinunterhalter spielte.
Sie waren alle ziemlich genervt davon.
Am letzten Tag waren wir dabei unsere restlichen Themen abzuarbeiten.
In der Pause kam sie wieder und meinte: "Ach Du bleibst ja noch. Fährst Du mit Deiner Freundin weg oder bleibt ihr in Leipzig?"
Dann bot sie sich an, dass sie mit mir zum Essen gehen kann, damit ich armer Hase nicht so alleine bin.
Ok, jetzt war meine Grenze erreicht.
Ich sagte ihr, dass ich schon vor längerer Zeit Muttis Rockzipfel losgelassen habe und zu recht komme. Die Hamburger Kollegen sind dann noch mit mir zum Essen gegangen und waren auch sehr froh, dass sie sich nicht mehr um uns gekümmert hat.
Das Thema des Seminars war Umstrukturierung und betriebsbedingte Kündigungen.
Sie konnte gar nicht nachvollziehen, warum Menschen, die so eine Fortbildung lieber Erfahrungen austauschen, statt ständig Witze zu machen.
Kein Witz....diese Frau musste alles lustig gestalten. Vielleicht wird man so, wenn man jahrelang Pauschaltouris bespaßen muss.
