keko hat geschrieben:Wenn man behauptet, dass diese Fragen nicht existieren oder keinen Inhalt haben, kann man ketzersich fragen, ob die Dinge dann einfach nicht existieren (z.B. das Leben). Mag sein, dass man mit diesem Formalismus in den Naturwissenschaftern Erfolge feiert, doch der Preis ist eine Realitätsferne, da die Realität nun mal diese Fragen (Was macht das Leben lohnenswert?) aufwirft.
Wenn ich behaupte, dass sich die Frage nach dem
Sinn des Lebens nicht beantworten lässt, dann bedeutet das nicht, dass nach meinem Standpunkt "das Leben" nicht existiert. Je nach dem, wie man diesen Begriff mit Bedeutung füllt, sind jedoch unterschiedliche Dinge damit gemeint.
Ich sehe darin keinen Formalismus, der sich stur den Realitäten verweigerte. Unsere Sprache ist an den Grenzen ihrer Reichweite sehr unscharf. Darum muss man sich vor Beginn einer Diskussion darauf einigen, welche Bedeutung die verwendeten Begriffe haben sollen. Dabei zeigt sich häufig durch die Unmöglichkeit einer Definition dieser Begriffe ein inneres Problem unserer Sichtweisen und Vorurteile.
In diesem Thread ging es um die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, und um einen Autor, der darüber Bescheid weiß, oder eher: wofür es sich
nicht zu leben lohnt. Problematisch sind die Wörter "sich" und "lohnt". Demnach habe das Leben an sich einen Wert, den es aufzuwiegen gilt, in dem man ausreichend tolle oder wertvolle Dinge mit ihm anfängt. Wer sein Leben verstreichen lässt und nur banale Dinge "erlebt", habe es auf wenig lohnende Weise verbracht.
Aus meiner Sicht gehört diese Einnahmen- Ausgaben-Rechnung zur untersten und simpelsten Kaste der Lebensführung. Sie verhindert nämlich jede Form von Zufriedenheit. Denn das Leben verstreicht unaufhaltsam weiter, während man ganz zufrieden ist, und erhöht durch dieses Verstreichen permanent die Ausgabenseite. Um in der Gewinnzone zu bleiben (damit das Leben sich "lohnt"), muss fortwährend die Erlebnisseite gesteigert werden. Wer einfach nur zufrieden ist, dürfte nach der Lektüre solcherlei Ratgeberliteratur unruhig werden. Hat die Schlagsahne genug Fett, ist der Sex ausreichend körperlich, lebe ich angemessen wild und intensiv?
Ich wäre dafür die Frage anders zu stellen. Statt "wofür lohnt es sich zu leben" kann man sich fragen, was man gerne mal machen würde. Ohne danach zu schauen, ob es sich "lohnt", gemessen am Verstreichen der Lebenszeit. Mal wird die Antwort lauten: nix. Mal wird es irgend etwas anderes sein. Der alternde Held eines von mir geschätzten Romans verfasste heimlich eine Liste mit Dingen, die er in seinem Leben noch gerne machen möchte. Ein Zelt aufbauen, ein Buch schreiben, Sex mit zwei Frauen haben, und so weiter. Ob sich das lohnt – darum geht es am allerwenigsten, und das gefällt mir.
Grüße,
Arne