Der Ball ist rund, ein Spiel hat 90 min und Gewinner ist ... vielleicht Deutschland. Das waren die Dinge, die viele in den letzten Wochen bewegten, während ich nach vielen Monaten Trainingspause konzentriert auf meinen nächsten Marathon hinfiebert und vieles nach hinten stellte, um zu trainieren. Und dann muckte das Knie, die Wade, die Fersen, mir war tagelang nur übel und schwindelig, ich ging spazieren statt laufen zu gehen, ich holte mir Notfalltermine bei meiner Osteopathin und meiner Orthopädin. Ich nahm Bromelain, Magnesium, tapte die Beine, machte nachts Salbenverbände, testete andere Schuhe mit und ohne Gelkissen - und versuchte "nebenbei" mich um meinen gerade wirklich nicht einfachen Job und meine Eltern zu kümmern. Ich wäre mit schlafen und laufen ausgelastet gewesen, aber das war nicht. Meine Mutter war in der Vorbereitung auf ihren dritten Challenge und hat sich verletzt. Ich wußte nicht mehr, wohin meine Energie lenken, eigentlich reichte sie gerade noch so für einen... für mich.
Touch for Power
Diese Schilder freuen mich immer wieder und ich muß an die "Leben" und "Mana"-Fläschchen in Computerspielen denken. Ich kenne meine Energiepunkte und "Ports" und ich hab sie genutzt:
In den Tagen vorm Challenge war ich nicht im Büro, sondern auf Dienstreise und im Außendienst auf einer tollen Veranstaltung und konnte da jede Menge Energie sammeln. Dann ab Donnerstag abend so viele tolle Menschn vor Ort. Ich lud mich mit Energie auf und die Vorfreude, das Kribbeln stieg immer mehr. Die Startunterlagen waren abgeholt, ein blaues Bändchen mehr an meinem Arm. Jetzt kann man es nicht mehr verleugnen: ich bin dabei. Freitag früh Testlauf am Kanal. Es läuft. Nachmittags dann Film und anschließend Nudelparty. Viele Menschen wieder gesehen oder zum ersten Mal real getroffen. Die Familie versammelt sich zum großen Fest.
Am Samstag bin ich dann auf die Messe, hab Matthias getroffen, bin mit Elke, die beim Frauenlauf gestartet ist, strahlend ins Ziel gelaufen und hab mir dann beim Massagedienst ein wunderbare Massage gegönnt. Danach noch Kaffeetrinken mit meiner Staffel und die Stunden verrannten. Es war nach 15 Uhr, als ich zu Hause war und damit waren es noch rund 24 Stunden bis zu meinem Start. Das Gefühl in mir war komisch: ruhig, weil ich wußte, was da morgen passieren wird, und doch aufgeregt, weil einfach die klar ist, was alles dann genau passiert. Hält das Knie? Was macht mein Bauch? Im April hab ich wegen starken Bauchschmerzen und Übelkeit einen Lauf nach weniger als 5 km abbrechen müssen. Wenn das wieder passiert? NEIN. Wird es nicht. PUNKT. Ich fieberte meinem Start entgegen. Ich will laufen!
Der Samstag war entspannt, die Nacht gut - so gut wie halt Nächte vor einem Wettkampf sind, aber ich war immer noch entspannt, weil ich ja die Tage vorher immer darauf geachtet habe, so viel wie möglich zu schlafen.
Der Sonntag lief erstmal in absoluter Routine. Ich fahre ja jetzt seit 1994 jedes Jahr früh zum Schwimmstart. In unterschiedlicher Funktion - und dieses Jahr zum dritten Mal als Staffelläuferin. Eigentlich ist immer noch ewig Zeit - allein vom Aufstehen bis zu meinem Start waren es 12 Stunden. Und doch passiert immer soviel, daß die Zeit wie im Flug vergeht. Profistart, AK-Starts, Profis aus dem Wasser... Staffelstart! Schnell zum Wasser gelaufen und geschaut wie Elke losschwimmt. Dann zurück in die Wechselzone und auf den Wechsel gewartet. Ruckzuck war Elke wieder da und Frank fuhr los. Schluck - die nächste bin nun ich... schnell noch Herrn Elch und Ines getroffen und dann an die Radstrecke. Beim Bäcker Schmidt leider keine Emus getroffen, also bin ich in den Ort gewandert und hab mich an die Radstrecke gesetzt. Schatten und frieren oder Sonne und jetzt schon zuviel Hitze? Noch ein wenig dösen oder Leute anfeuern? Essen, trinken? Die Anspannung stieg, aber auch etwas Müdigkeit und - was mir gar nicht gefiel: Schmerzen in beiden Fersen und in der Leiste. Und das schon beim "Spazierengehen" 2 km in die Innenstadt - heute Nachmittag sollte da noch was anderes kommen, wenn da auch... NEIN, wird es nicht. PUNKT. Frank kam vor der geplanten Durchgangszeit und ich wanderte zurück Richtung Schwimmstart, wo ich in dann 20 min später nochmal gesehen hab. So, jetzt wird es ernst: ich geh zum Auto, zieh mich um und fahre nach Roth. Der Puls ging etwas hoch. Als ich auf der Straße von Allersberg nach Roth die Läufer gesehen habe, hüpfte mein Herz mit. Bald darf ich auch... Ich stand zwar kurz im Stau, aber der Zeitpuffer war riesig und ich war um 14 Uhr in Roth. Konnte also in Ruhe parken, Sachen packen und in die Wechselzone. Dort tapte ich die restliche freie Haut noch ab

, lief zum Test in der Wechselzone auf und ab und war mir sicher: paßt. Ich hab noch getrunken und gegessen, mich eingecremt und war völlig verwundert, wie es mir ging. Sanne war bei mir, meine Mutter schon unterwegs, und so lief ich recht freudig und entspannt los, als Frank mich mit einem "Du machst das!" auf den Weg schickte. Und ich weiß immer noch nicht, was los war, aber ich lief einfach.
Kilometer für Kilometer. Ich schaute mir die Läufer an, trank, kühlte, dachte an Erlebnisse der letzten Jahre an der Strecke, freute mich über Menschen im Publikum, war glücklich die kleine Maja und ihre Mama Birgit an der Versorgungsstelle getroffen zu haben und lief einfach. Der Berg zum Kanal war kein Problem, bei Speck saß eine Gruppe Thalmässinger und schwupp war ich am Kanal. Mein Kanal. Back home. Ole und Anita. Viele Menschen, die jubelten und viel Ruhe. Enten. Meine Schwanfamilie. Ein Schiff. Es war wie immer und noch viel schöner. Ich traute mich nicht ans Limit zu gehen, weil ich Sorge hatte, ich könnte nach der Hälfte einbrechen wie damals auf Lanzarote. Also hab ich brav gebremst - vielleicht ein Fehler - aber so ging es mir einfach gut. Ich hab aufgehört zu rechnen und zu zählen. Ich bin einfach gelaufen und fand es schön. Ein Thalmässinger rief mir zu "hab einfach Spaß" und das hatte ich. Irgendwann zwickte das Knie und die Schulter, aber ich konnte mit atmen, Gewicht verlagern und konzentrieren alles in den Griff bekommen. Die Ernährung funktionierte, die Energie kam an, die Kilometer verschwanden unter meinen Füssen und immer mehr Kilometer lagen hinter mir. Bis ich schaute ging es schon wieder vom Kanal zurück. Ich wäre auch nochmal 10 km am Kanal gelaufen, aber ich freute mich auch auf den Wald, Roth und ... naja... Büchenbach. Doch, auch auf Büchenbach, denn ich wußte oben am Weiher wird es toll sein und dann muß ich halt durch den Wald den Berg hoch.
In Roth kam mir Felix auf einem Roller entgehen, in der Stadt haben unglaublich viele meinen Namen gerufen und bis ich schaute war die blöde Pflasterpassage auch vorbei und es ging wieder aus Roth raus. Ich war froh, daß ich alles kannte. Ich bin die Strecken vorher gelaufen, ich hatte einen Plan, ich wußte was ich machen will und werde und so frustrierten mich die zwei Gehpausen nach Büchenbach hoch nicht, denn die waren geplant und sie brachten mich ja trotzdem meinem Ziel näher. Unserem Ziel: Gemeinsamer Zieleinlauf mit zwei wunderbaren Menschen, die für mich schon geschwommen und geradelt sind und jetzt lauf ich unseren Traum zu Ende.
Auch wenn die letzten drei Kilometer endlos waren, mir kamen in Roth bei dem Gedanken an den Zieleinlauf die Tränen und ich mußte mich verdammt konzentrieren, im Rhytmus weiter zu laufen. Gut einen Kilometer vor dem Ziel lief dann das Lied, was dem einen Namen gab, was ich den ganzen Tag gefühlt habe: It´s my life! Ich hatte noch die Kraft mitzusingen und ich wußte so sehr wie noch nie, daß es richtig ist, was ich da tu. Daß sich der ganze Streß, die ganze Mühe, der Ärger lohnt.
It´s my life
Ich bin ins Ziel gelaufen, ein großartiger, ein strahlender ein glücklicher, beflügelter Zieleinlauf, Elke und Frank neben mir. Felix und Kathrin auf dem Sprecherturm, die uns ins Ziel jubeln. Sanne im Ziel, wie immer, die mich die ganzen Tage umsorgt und begleitet hat, war auch im Ziel da und hielt mich im Arm.
Die Zeit? Ich weiß es nicht, länger als erhofft, weil ich gerne unter 5 Stunden geblieben wäre aber kürzer als befürchtet.
Ich hab gewonnen, wenn auch nicht alles aber sehr viel heute genau richtig gemacht. Mein Kopf hat funktioniert und ich hatte Spaß. Mit der Strecke, dem Publikum mit mir.
Es waren sicher die schönsten Stunden in diesem Jahr und ich weiß, ich brauch das.
Endverpflegung, Massage, Feuerwerk - ich wäre am liebsten einfach auf der Stufe vorm See sitzen geblieben.
Dank meiner Orthopädin und ihrem Team, meiner Osteopathin, dem Masseur, der Pharmaindustrie, dem Tapehersteller, CEP (ich komm mir gerade vor wie Rudi Carrell

) einem unglaublich starken Willen und wunderbaren Freunden - hier vor allem Bine (aka Frau Elch), Sanne, Felix, Kathrin und Chrissy und natürlich Frank und Elke und allen anderen die irgendwo an der Strecke waren wie Carolin, Michelle, Arne und Ivy, Tobi und so manchem, der mich gesehen und angefeuert hat, ohne daß ich es richtig wahrgenommen habe, sowie vor allem meinen ganzen Thalmässingern auf und an der Strecke habe ich einen wundervollen Tag erlebt.
An Tagen wie diesen...
lief zwar dieses Jahr nicht im Zielbereich, da Chrissy kurz nach mir selbst mit ihrer Staffel einlief, aber es war einer dieser Tage... und ich bin einfach nur dankbar, sowas schönes erlebt haben zu dürfen.
Montag dann noch Frühstück mit Frank, Carolin und Andy (und Werners wunderbarer Kirschmarmelade), Siegehrung, ein letzter Bummel über die Messe (Isopulver und Salz-Gummibärchen dient leider nicht dem Effekt des Belohnungsshoppings...), Thorsten und Begleitung (wohl angefixt worden...) getroffen, abends Helferfest und Musik - und danach konnte ich endlich mal wieder richtig schlafen. Ich bin müde und traurig, daß alles vorbei ist. Nachwettkampfkater. Ab morgen ist wieder Alltag. Danke an alle, die zu Hause die Daumen gedrückt und mitgefiebert haben, insbesondere Nils.
Ein letzter Kaffee mit Frank und Maja und einmal Winken - da kam von Elke schon die Meldung, daß sie zu Hause ist. Alle weg. Was bleibt sind die Erinnerungen an ein grandioses Wochenende und der Zettel in meiner Handtasche mit einer langen Nummer...
Und nun? Auf zu neuen Abenteuern. Ich glaube die Schweiz ruft, die gibt es noch einen Gutschein einzulösen und es lockt eine erprobte Reisegesellschaft. Thorsten, Carolin - wir sollten uns mal unterhalten
